Vernunftkauf oder sinnlose Angst?

… die Tresorsache.

Neulich hatte ich eine Art Rückfall. Wobei ich ja finde, dass eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung nie so ganz weg geht. Höchstens vielleicht in den Bereich übergeht, wo man sagen kann: das ist eben ihr Charakter, aber es ist noch nicht neurotisch und lebensstörend und andere sehr verwirrend.

Mit meinem vorsichtsgetriebenen Charakter also habe ich mich zu einem Kauf entschieden: ein feuerfester Tresor zum in den Schrank stellen. Davor recherchierte ich. Einen ganz normalen Safe, der nur Einbrecher abschrecken oder Zeug sicher vor Kindern verstecken soll (peinliche Tagebuchstellen, erotische Heftchen etc.) kann man schon einem relativ kleinen Preis erhalten.

Soll das Teil aber Feuer abhalten, geht der Preis nach oben. Jede halbe Stunde mehr Resistenz (es gibt da EU-Normen) kostet mehr. So entschied ich zu glauben, dass die hiesige Feuerwehr es in 30min. schafft, die Wohnung abzulöschen. Und dass meine Lieblings-Selbstgeschriebenes-Hefte und meine externe Festplatte in einem Stahl-sonstwas-Behälter zudem sicher vor Löschwasser sind.

Einige Bezugspersonen lachten und meinten, dass so ein Brand doch sehr unwahrscheinlich sei, aber ich verwies auf kürzlich ähnliche Fälle aus der Zeitung. Liegen nicht oft Werbezeitungen auf der Treppe, die man flugs anzünden könnte. Vergisst man nicht schnell mal, den Herd auszudrehen und dann steht da noch ein Topf mit Resten und bäm!

Neenee, meine Feuerangst ist nicht neu. Schon als Grundschülerin lag ich lange wach und fühlte mich sehr unsicher. Da gab es auch noch diese Sirenen auf Dächern, die dreimal jaulten, damit die von der freiwilligen Feuerwehr kommen. Heute haben die sicher alle ein Funkgerät.

300 €, 40 Kilo, ein Kostenvoranschlag und eine Spedition

…. brauchte es, um das gute Stück in meine Wohnung zu kriegen. Das kompliziert als gedacht. Anfangs schickte ich noch Oma in den Baumarkt, und dachte: macht sie lässig und ich hab ja auch Geburtstag. Nach genauerer Recherche stellte ich fest, dass es wohl doch etwas unüblich für Privatpersonen ist. Die meisten Tresore kosten tausende Euro, sind größer oder gleich Schränke und werden B2B geordert, für Sparkassen oder andere wichtige Firmen.

Vielleicht hatte ich nur den falschen Onlineshop, aber einfach „klick und Päckchen kommt“ war nicht. Es ging an Emails mit ner Mitarbeiterin und ein plötzliches und erschreckendes Telefonat mit der Spedition. Ich wusste gar nicht, dass die meine Nummer hatten und haspelte einen Nachbarsnamen, weil einer gefordert war und sagte ja zu einem Dienstag, obwohl das eigentlich mein Bürotag ist.

Shit. Umso näher der Liefertag kam, desto unruhiger wurde ich. 40 Kilo kriege ich nie in den fünften Stock geschleppt. Was, wenn die kommen und ich bin grad Kind aus Schule holen oder aufm Klo oder.. Dann belästigen die entweder die Nachbarin, vor der es mir peinlich ist und klein ist das Paket ja auch nicht und die kriegt es auch nicht von der Bordsteinkante durch die Haustür.. was überhaupt, wenn die wirklich nur „bis Bordsteinkante liefern“, weil ich nich weitere 50€ für Lieferung bis zum Schrank bezahlen wollte.

Dann sollte es regnen am Dienstag. Ich stellte mir vor, wie ich worst case die Lieferung annehme, aber nicht wegtragen kann und mitm Schirm auf dem Gehweg sitze, bis der aus der Arbeit angerufene hochoffizielle Lebensgefährte käme und das Ding hochtrüge. Einfach draußen stehen lassen würde doch Metalldiebe auf den Plan rufen.

Ich schob Varianten hin und her … und fand Montag nicht in den Schlaf, bevor ich nicht einen schissermäßigen Ausweg fand: die einzige tagsüber freie am Ort wohnende Person ist mein Exmann. Zu dem habe ich ein ambivalentes Verhältnis und hatte keine Ahnung, ob der Aktuelle es okay findet, wenn der Vorherige in der Wohnung sitzt. Und auf meinen Tresor wartet.

Ich verfluchte ein bisschen meine Souveränität, wähnte mich nun aber gerüstet.. und ahnte nicht, dass das umsonst war.

Die Dienstagsstunden vergingen, ich arbeitete von zu Hause aus, plauderte mit dem Ex, aß Mittag, fuhr zur Schule (in der Hoffnung, die Spedition käme derweil und ich müsste gar nichts damit machen).. und kam zurück. Kein Tresor da, schade. Ich packte Schulkram aus, ging aufs Klo.. es klingelt. Ich so: wahh! Schnell hin zur Gegensprechanlage.
Ich dort: Hallo ? Hallo ?????
und höre, wie ein Mann mit der Nachbarin plaudert. Sie so: … solange wir kein Auto annehmen müssen (oder so)

Man ignorierte mich. Find ich frech. Als Spediteur kann man doch wohl eine halbe Minute warten nach dem Klingeln oder zumindest beim Plaudern mit der Ersatznachbarin noch hinhören, ob die Stimme der eigentlichen Adressatin noch kommt.

Aber zunächst schaltete ich nicht. Ich dachte tatsächlich (nachdem ich sofort runterrannte, aber da schon niemanden mehr entdeckte und dooferweise ohne Briefkastenschlüssel)  : da plaudern die älteren Herrschaften unten und einer kommt auf die Klingelknöpfe. Blick aus Fenster: ein LKW höchstens da um die Kurve parkend. Ach nee, mein Ding kommt später.

Irgendwie wurde aber dennoch unruhig. Der Ex erbot sich, unten im Briefkasten nachzuschauen. und kam schnaufend mit dem Tresor hoch. Die Nachbarin habe wohl angesichts seiner doof geguckt, aber naja. Ey, dachte ich, was springt die auch sofort hin bzw. was ist der Spediteur zu ungeduldig, wenn ich wusste, dass das so käme, hätte ich nix organisieren müssen, dann hätte der Aktuelle Mann entspannt nach der Arbeit das Paket von Frau L unten abgeholt.

So war ich in Erklärungsnöten, als er heimkam. Aus antrainierter Erwartung fing ich gleich an zu heulen.. und auch wegen der aufgestauten Anspannung wahrscheinlich. Er sagte aber nichts weiter und wir versuchten, den Tresor auszupacken und in den Schrank zu wuchten. Er war halb offen. Handwerklich ungeschickt, wie er leider ist, quetschte ihm die Tresortür den Finger. Jetzt war mir das Ganze noch peinlicher. All die Strapazen eigentlich Unbeteiligter, nur weil ich meine Sorgen um materielle Erinnerungen nicht im Griff habe.

Haaach. Aber tatsächlich bin ich diesbezüglich nun beruhigt. Ich muss nicht mehr gedanklich öfter durchspielen, was ich in welcher Reihenfolge anziehe und einpacke, wenn ich Wohnungsfeuer bemerke. Ich werde einfach instinktgetrieben meine Tasche und die Kinder nehmen und ab. In der Tasche ist eh der Chipkartenhaufen, Geldbörse etc.

Gelegentlicher Anfall von Unsouverän-Infantilem Verhalten also. Ist aber bestimmt erlaubt … und wirkt vielleicht niedlich. Endlich ein Vorteil am Frausein. Wobei. Ängstliche männliche Partner können ja auch putzig sein.

 

Kind sein gestern und heute – persönlicher Vergleich

Meine Älteste ist neulich 10 geworden. Das lässt mich gelegentlich vergleichen, was sie heute macht oder muss und wie es bei mir damals war. Diese Gedanken kommen immer mal wieder, ob ich will oder nicht, der Alltag ist eben voller Anknüpfungspunkte. Da nur 21 Jahre zwischen damals und heute stecken, kann „andere Gesellschaftsordnung oder allgemeine Ansichten“ nicht der Grund sein. Für die Unterschiede.

Das fängt scheinbar trivial beim Lesen an. Meine Tochter liest seltener als ich, was am Vorhandensein von Geschwistern liegt. (Wäre ich sozial kompetenter wenn ich zuhause mit anderen Kindern hätte üben müssen?) Und wenn sie liest, dann tatsächlich Sachen, die für ihre Altersgruppe vorgesehen sind und gern auch echte Kinderliteratur, Zeug mit kindlichen Protagonisten, die Anknüpfbares erleben im hier und jetzt. Gelegentlich Fantasy – kindgerechtes. Das irritiert mich. Es ist so anders als das, was ich las, weil ich es lesen sollte. … und mir gar nicht die Idee kam, mir anderes zu wünschen oder in die Bibliothek zu gehen. Meine Eltern, und vor allem mein Vater, legten mir Bücher und Hefte hin und sagten was dazu – dann war das ein Auftrag, den ich abarbeitete. Manchmal war es sagenhaft öde (Der Hobbit mit 9 oder der xte Steinzeitroman), andere Mal nur partiell interessant (jede Menge Sciencefiction für Erwachsene, irgendwelche Pflanzenbücher..) und manchmal verstand ich wenig, fühlte mich aber seltsam angesprochen und edel beim Lesen (Sophies Welt mit 12). Und dann las ich eine amerikanische Comicserie, in der es um wilde Elfen geht, die im Prinzip zwischen Magie auch erwachsene zwischenmenschliche Probleme haben, die mich heute noch berührt. Ich möchte meiner Tochter diesen Zauber auch bieten bzw. es macht mich etwas betroffen, dass sie vermeintlich nur Trivialschund liest…
Aber ich will nicht den selben Fehler machen wie damals (weiß man überhaupt ob das Kind einen gleichen Geschmack hat, sollte es nicht einfach selbst bestimmen..) und sie nerven mit meinen Erwartungen.

Die Zwangsmediennutzung sitzt eh tief bei mir. Bücher lassen sich ja noch überfliegen und dann sagen: fertig, war ganz interessant. Bei Filmen hingegen kann ich schlecht weghören. Umso doofer, häufig blöde Erwachsenenfilme sehen zu müssen, damit mein Vater auf seinen Videokassetten keine Werbung hatte. Nicht selten hätte ich lieber der Feier im Nebenzimmer beigewohnt, als auf dem Sessel record und pause drücken zu müssen. Aber das sind Kleinigkeiten. Obwohl mir das nicht einfallen würde, etwa zu meinen Kindern zu sagen: Hier, du musst mal diese Sendung gucken, die mich interessiert, ich habe grad keine Zeit, aber schreib doch mal ne Kritik dazu oder erzähl mir, was passiert ist. Und das Kind sagt vielleicht: Orrr nö, mich interessiert das überhaupt nicht, ich will lieber spielen.
(mir wurde damals vermittelt, dass Spielen grad nicht ist, sondern Fernsehpflicht.)

Schwerer sind andere Pflichten und Begebenheiten, die ich schon in Richtung „überfordernd für mein Alter damals“ einordnen würde. Ich mein, es hat mich ernster und misanthropsicher gemacht, wovon ich bestimmt iiiirgendwie profitiere, aber…
wenn mir Dritte Parentifizierung der Großen vorwerfen, wenn sie erklärt, sich manchmal um die Jüngste zu kümmern… dann greift das nicht. Lässt sich gar nicht vergleichen, oder doch.. und ich erinnerte mich dann an die Zeit, da ich 10 war. (Nebenbei: Sie passt nur kurz und freiwillig auf die Jüngste auf.)

Mit den Telefondiensten schon bevor ich 10 war wollte mein Vater vielleicht eine Soziophobie bei mir verhindern und ich ging damals auch noch unbefangener ans Telefon.. leider kommunizierte ich seinen Arbeitskollegen und wer da noch so dran war nicht immer das Korrekte, woraufhin es ordentlich Schelte gab ..- nicht so psychoempfehlenswert. Die ganze Garten- und Heimwerksarbeit ist okay, das formt tatsächlich positiv den Charakter, kann ich aber nicht weitergeben mangels Garten oder Eigenheim. Was nicht okay war, sind die Care-Arbeiten, für die Erwachsene ja nicht umsonst Ausbildungen machen. Das wird mir umso klarer je mehr ich meine Tochter im selben Alter sehe. Klar kann sie mal Brote schmieren für andere, aber etwa mit der frisch verwitweten Oma stundenlang allein lassen würde ich sie nicht. Das ist eine meiner typischen Erinnerungen: Man kommt aus dem Krankenhaus zurück, es ist Weihnachten und meine Eltern sagen: wir gehen zu den feiernden Verwandten oben, du tröstest mal deine Oma unten. Ich liebe meine Oma nachwievor (mehr als andere Verwandte, jedenfalls klarer), aber ob es meinem Gemüt gut tat, stundenlang schweigend ihrem verheulten Rest allein gegenüber zu sitzen und mich hilflos zu fühlen, hm. Ich habe dann eine Leberwurstschnitte mit Gurken für sie gemacht.

Als Opa noch lebte, arbeitete Oma noch, ich hingegen ging dann nicht mehr in den Hort, sondern nach Hause zu Opa. Am Anfang mag er tatsächlich für mich dagewesen sein, später andersrum. Krebs eben. Dass ich bei seinem Schlaganfall zur Stelle war, kann man unter „passiert, Zufall“ verbuchen und ich glaub es nahm mir künftig die Angst vor Notärzten und es war der Anfang einer Reihe von sterbenden Verwandten und Elternteilen von Freundinnen oder Bekannten.
Aber absichtlich mich zu beauftragen, frühs zur Schlafenszeit Wache zu schieben – das geht nicht. Man kann von einem Kind nicht erwarten, um 6uhr-nochwas die Worte eines nebenan Bettlägerigen korrekt zu interpretieren, zu kombinieren dass Oma schon los sein muss, und dann richtig zu handeln. Und es ist auch nicht der Bringer, als Mädchen einen fetten Pullermann in der Glasente sehen zu müssen.
Nee, das mache ich alles besser. Obwohl – die Situation ist anders. Weiß man, wie ich reagieren würde, hätte ich entsprechende Zwänge aus Krankheiten und Angestelltenverhältnissen?
Also anders. Hoffe ich.

Wer bis hierher gelesen hat, kann sich gern mal überlegen, welche Bildungserwartungen und Aufgaben er/sie selbst als Kind hatte, und ob sie angebracht waren. Darin steckt Erkenntnispotenzial, finde ich. Frohes Denken euch!

Heilung durch erzwungenen Alltag

Endlich nach zwei Jahren* ein halbes Stündchen Zeit, um hier zu berichten. Ich habe in diesen zwei Jahren keine richtige depressive Episode gehabt. Das ist das erste Mal seit ich elf bin. Yeah, aber harte Arbeit.

Ich musste erst über dreißig werden, um soweit reizabgestumpft zu sein, dass ich die Actionmenge, den Lärm, das ständige Mitdenken und die vollen Tage und Nächte ertrage, die nötig sind, um so viele Erfahrungen immer wieder zu haben, dass ich tatsächlich selbst glauben kann, dass „es meistens gut ausgeht und ich etwas kann“.

Ich bin ganz sicher nicht die Parademutter und auch meine Berufsbiographie ist kein Kracher, aaaber: es läuft. Es läuft irgendwie und ohne diese Ausraster von „vor zwei Jahren“. Ich habe mich in einer Unaufgeregtheit eingerichtet und nachdem ich die Monate mit leichter bis mittlerer Wut durchstanden habe, in denen ich mich ob meiner ans-Baby-Gebundenheit bemitleidete.. (und sich Freunde endlich gemerkt haben, dass es nicht nett ist, im Wohnzimmer Party zu machen, während ich immer, ja wirklich jeden Abend, nicht danebensitzen kann, aber hören muss, wie sich „nicht-die-Mamas“ amüsieren).. Also, jetzt wo endlich Akzeptanz der Situation herrscht, führt das zu emotionaler Ausgeglichenheit. Ja, das Prolaktion vom „noch immer nachts x-mal Stillen“ mag beitragen, aber auch das Wissen darum, nun niemandem mehr was beweisen zu müssen und eine feste Identität zu haben.

Da ich jetzt offiziell in der sogenannten Rushhour des Lebens bin, erübrigen sich alle Fragen nach Liebes- oder Erotikspecials, langen Reisen oder Genussdrogen oder partyähnlichen Szenarien. Bei den beiden ersten Kindern habe ich dergleichen noch versucht, doch es führt nur zu Ausgelaugtheit und Unentspanntheit. War aber damals folgerichtig und angebracht irgendwie.

Es ist merkwürdig, aber vielleicht muss mensch erstmal alle blöden Szenarien durchgemacht haben, um zu wissen: Was hier in diesem Umfeld passieren kann, habe ich alles schonmal überlebt und übermäßige Sorgen rauben nur Kräfte. Irgendwann wird man auch nur noch angegrinst von langjährigen Vertrauten, wenn man das selbe Ding schon wieder bejammert. Ja, Humor und funktionierende Beziehungen sind wichtig.

Ich meine auch festgestellt zu haben, dass aus langweiligen Bekannten oder Freunden, die einen gar nicht sooo faszinieren, mit den Jahren echte Vertraute werden können. (Ja gut, ich sage noch immer nicht jedem alles, aber das gebietet der Respekt vorm Gegenüber, dass man abwägt, was wer verkraftet) Deshalb: nicht sofort jeden Kontakt abbrechen, obwohl man denkt: mit der hab ich ja nüscht gemeinsam. Das muss man nämlich gar nicht so sehr, mitunter tun sich auch gemeinsame Erfahrungen und Interessen erst später auf.

Kurzum: Liebe Mitleserinnen, gebt nicht die Hoffnung auf- es kann Jahre dauern, aber irgendwann hat man genug Übung mit den Mitmenschen, um im Großen und Ganzen funktionieren zu können. Wenn es mal nicht so klappt, ist es auch okay, solange du an anderer Stelle akzeptiert und gebraucht wirst. Such dir gegebenfalls einen Ort, eine Gruppe, die dich braucht. Vielleicht deine Nichte oder ein Bürgerverein oder andere Fans deines Hobbys, egal. Hauptsache mehrere. Wenn dich bei a einer kritisiert, brauchst du dich nicht lange ärgern, weil b und c schon längst Aufgaben für dich haben.  Die du wiederum vielleicht gut erledigst, dann gibt es Lob und irgendwann stellst du fest, dass du in der Summe doch nicht so oft versagt hast. Während andere Leute durchaus auch Fehler machen.

Ach und.. bleib dran (lieber Mitleser, liebes Zukunfts-Ich)! Schon zwei Tage allein in der Bude können wieder Angst vor menschlichen Begegnungen fördern. Übertreiben wiederum ist auch nicht nötig. Es ist okay, introvertiert, hochsensibel und vielleicht misanthropisch zu sein. Ich benutze das sogar oft als Erklärung dafür, dass mich etwas nicht begeistert, dass ich keinen weiteren Termin an dem Tag vertrage, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann etc.
Es müssen nicht alle Menschen hippe Partybiester mit Parkourkurs und großem Freundeskreis und Make-Up und 45h-Job sein. Nö. Und die meisten Kinder nehmen es einem weniger übel, keine häufigen Spieldates zu haben oder Strandreisen als angeschrien zu werden, weil elternteil überlastet ist.

Es ist sogar so, dass mensch oft seine eigenen Ansprüche nicht erfüllen kann.. Weil sie zu viele und zu hoch sein. Tja nun. Wir leben in einem recht freien und möglichkeitsvollen Land. Das heißt aber nicht, dass man verpflichtet ist, daraus das Optimum zu machen. Was das Beste ist, wird eh regelmäßig neu definiert.
So, und schon muss ich wieder los. Ohne Zeit zu haben, ob das alles schlüssig genug ist oder gut oder… 😉

*nee, einen Fehler seh ich doch schnell noch: es sind nicht zwei Jahre, nur 1 Jahr 7 Monate. Ein bisschen Genauigkeit ist schon erlaubt.

Die Kasse sagt nein, aber vielleicht hat sie recht

Über Weihnachten bemerkte die Einzeltherapeutin vom hiesigen IFP, dass ich gar keinen Konsiliarbericht ausgefüllt mitgebracht hatte. Vielleicht denkt sie noch immer, ich hätte das verschlampt, aber nein, im Grunde ist sie selbst schuld, dass ich nicht ihre Kundin wurde. (Wahrscheinlich monetär egal, denn es gibt ja genug weitere Bedürftige) Jedenfalls gab sie mir viel zu spät per Post das Auszufüllende und ich dackelte am Montag nach den Winterferien zum Psychiater, denn ich habe keinen Hausarzt. Er schob mich dazwischen, ich errötete vor den tausend Mitwartenden, und dann konnte ich fluppdibuppdi wieder gehen.

Dann dauerte es wieder lange, bis mir die Therapeutin auf die Mailbox sprach, die Krankenkasse habe abgelehnt, ich solle doch mal vorbeikommen und wir besprächen persönlich, wie wir weitermachen. An dieser Stelle ließen sich Widerspruchsverfahren anleiern, aber ich bin schwanger – mit Wochenbett-Pause will sie keine Therapie, daher höchstens Kurzzeit -, und auf analytische Therapie habe ich zwar irgendwie Lust, aber keine Zeit, das ist was für Singles oder Arbeitslose. Ich bin beides nicht, mehr als einmal pro Woche – ergo die tiefenpsychologische Richtung – passt nicht in meinen Alltag.

Wenn ich das so sehe, kann es mir nicht so scheiße gehen und tut es ja auch nicht. Deshalb fand ich es okay, dass die Kasse schrieb, die beantragte Therapieform passe ja nicht zu mir bzw. der Situation und sie zahle daher nicht. Ich schrieb der Therapeutin eine lange SMS und nutze die gesparte Zeit dann hoffentlich, um mein Buch fertig zu schreiben, denn ja, das wühlt auf und geht am besten, wenn ich emotional aufgekratzt bin. Dann kehrt tatsächlich Ruhe ein, wenn aus Verzweiflung Sätze und letztendlich was Produktives geworden ist, nämlich eine Rohfassung eines Kapitels oder zumindest eine notierte Idee. In rationalerer Stimmung muss ich dann später erneut drübergehen, sonst wird es kein Buch, sondern nur ein wirres Notizheftchen, aber das ist schon gut.

Wenn auch nicht das selbe wie Dritten mündlich was berichten. Aber auch gut. Vermutlich lässt sich alternativ auch Malen, Hörbücher machen, Musikstücke bauen oder sonstiges Kreatives.

Psychoanalyse und autodidaktisches Zeug

Morgen lerne ich meine Einzeltherapeutin kennen. Oh oh. Aber sie hat sich ja für mich entschieden aufgrund der Notizen des Vorauswahlonkels. Ein Typ, der aussah wie der Psychiater (der Nervenarzt, den ich irgendwie aufsuchte, weil ich dem Amt irgendwas präsentieren wollte, das wäre dann eigentlich nicht mehr nötig gewesen, herrje, alles sehr verwirrend sicher für Außenstehende). Nur dass der Vorauswahlonkel weißhaarig war und Sneaker trug. Totale optische Klischees aber, beide. Jedenfalls. Heute ist bestimmt ein guter Tag, um hier mal wieder was zu schreiben. Ich hätte schon viel eher Stoff gehabt, aber.. da ich mittlerweile mein Geld mit Texten verdiene (ja nicht genug, deshalb Amt, aber immerhin), habe ich dann seltenst Lust, in meiner Freizeit auch noch zu tippen. Was wieder blöd ist, auch weil ich mein zweites Buch gern fertig bekäme. Es enthält neurotische Protagonisten und ich hab irgendwie die Befürchtung, dass, wenn ich zu „therapiert“ werde, ich mich nicht mehr in den Held und die Heldin reinversetzen kann. Es ist also viel passiert seit Anfang September. Ich möchte mich diesbezüglich bei all den Bloggerinnen bedanken, deren Beiträge mir seit Jahren eine Ahnung gaben, was bei Psychiatern etc. so passiert. Und auch die Möglichkeit zur Selbstreflektion. Durch das Wissen um andere mögliche Schicksale, Leben und Zustände kann mensch doch ganz gut zu Amtspersonal und Psychoprofis sagen: „Ja, also es geht natürlich immer schlimmer, aber irgendwas ist noch immer schief und ich denke, ich sollte mal was machen – Bezugspersonen sagen das übrigens seit Jahren.“ Und dann sagte der nette Psychiater: Studie so und so zeigte, dass die genaue Form der Therapie meist egal ist, hauptsache überhaupt mal was gemacht. Ich hatte den Mann natürlich gegoogelt, er wurde von unzufriedenen Klienten als Typ mit Profilneurose beschrieben. Aber da ich nicht seine Person wollte, sondern nur seine Infos, nickte ich freundlich zu seinen selbstsicheren Darstellungssätzen. Nach jedem „ich bin so toll und weiß Bescheid“-Satz kam dann tatsächlich was Datenreiches. Ich war ein paar Mal da und denke beim nächsten Mal sagen zu können: Danke, ich bin ja jetzt bei der Psychoanalytikerin, brauche ich hierher nicht nochmal.. Er empfahl zunächst eine Tagesklinik. Ich bejahte erstmal und nahm brav die Flyer mit. Einen gewissen Reiz hat das „Therapie als Arbeit“ und Beobachten und Interagieren mit Leuten diverser Neurosen und Psychosen schon für mich. Ich wäre nur aus Neugier hingegangen und weil ich Bock auf aufgezwungene Kunst/Atem/Sportkurse habe. Aber dann wurde mir nach Wochen und dem gruseligen Telefonat fürs Vorgespräch klar, dass ich derzeit zu fest im Leben stehe, um mal eben 8 Wochen lang von 6-18uhr mit einer Tagesklinik befasst zu sein. Ich hätte abends noch versucht, Geld verdienen, Kinder und Ehrenämter zu bedienen und das hätte direkt in den Burnout geführt. Das würde ja keinem helfen. Also den Schritt übersprungen. Das muss ich dem guten Mann übermorgen erklären. Aber mein Gott, er hat ja seinen Job gemacht, mehr sollte ihn nicht interessieren.


Meine Biografie im Kurzdurchlauf werde ich sicher morgen noch ein fünftes Mal erzählen. Es stört mich von Mal zu Mal weniger. Und, nun ja, es tut gut, von völlig Fremden irgendwie signalisiert zu bekommen: Du bist in Ordnung. Du bist mutig und vernünftig. Du hattest es wirklich nicht leicht und wir alle machen Fehler, aber wir kriegen das hin. Auch wenn die das nur aus Professionalität so rüberbringen. Ich mag und brauche diesen Hintergedanken: Ich muss das nicht, aber es kommt gut, wenn ich mich selbst bemühe. Und so war ich dieses Jahr erst bei einer Fallmanagerin, die meine akute Angst als depressives Irgendwas deutete und mich nach Suizidabsichten fragte, woraufhin ich beinahe aus Neugier bejaht hätte, um mal die Arbeit des berufspsychologischen Akutdienstes zu sehen.. aber eigentlich möchte ich sie lieber an anderen Personen sehen. Ich stammelte mir was zusammen und ging danach zweimal so zur Psychotante im Jobcenter. Die war sehr nett (da habe ich Glück gehabt, hatte andere Fälle gelesen und kann nur raten, möglichst ohne Medikamente hinzugehen, zur Not mit Bezugsperson) und irgendwie vereinbarten wir einen Gutachtertermin. Ich hatte nicht voll auf dem Schirm, was das bedeutet und saß dann im Juli mit nervösem Brechreiz im Bus zur nächsten Großstadt. Der Gutachterpsychiater besaß eine gruselige alte Praxis mit Dackelzeitschriften und ekligen Insektenbildern an der Wand. Ich kam dank selbstbeigebrachtem Relokalisieren und Atemübungen irgendwie bis ins Behandlungszimmer, erkannte in ihm Mitleid und in-Rente-Gehen-Wollen und sagte nicht mehr als nötig. 20 Minuten, 40 Fragen. Immer mit Ja oder Nein. Er so: Verletzen Sie sich manchmal selbst ? Zeigen Sie doch mal! … Ich: Äh, das sieht jetzt nicht so beeindruckend aus, ich schlag dann lieber gegen die Wand oder so, macht keine auffälligen Kratzer… Er: Haben Sie häufig wiederkehrende Gedanken ? Ich, bestrebt vom Jobcenter nicht zu Kellner- und Verkäuferjobs gezwungen zu werden: Na manchmal so Selbsthassdinger.. Wie aus dem Lehrbuch. Als ob er einen Selbstdiagnosetest abliest. Die Quittung bekam ich nach 6 Wochen oder so: Brief vom Jobcenter, ich sei ja keine 3h täglich arbeitsfähig und möge mal Rente beantragen. Ähä?! –.. das gab mir wenigstens einen guten Gesprächseinstieg beim Psychiater mit Profilneurose, siehe oben. Der mir ja wirklich einen guten Tipp gab: Wenn Sie glauben, dass es Konfrontationstherapie nicht bringt, versuchen Sie mal Analyse bei einem Ausbildungsinstitut, die haben eher Termine. Und so telefonierte ich nach der Absage bei der Tagesklinik noch mit dem hiesigen IFP. Als ich dann zum Voraufnahmeonkel sollte, irrte ich schüchtern durch die imposanten Räume, die zugleich von einer Galerie benutzt werden, beruhigte mich aber, als ich im Warteflur in die überraschten Augen des Lebensgefährten einer Politikaktivistin blickte. Man spricht ja vor fremden Mitwartern nicht so viel, aber unsere Blicke und Körpersprache sagten: Ist mir jetzt auch ein bisschen peinlich, andererseits irgendwie gut, dass du auch… „Haben die hier noch ein Klo? Wird man so aufgerufen ohne im Sekretariat gewesen zu sein?“ Die selbstunsichere Sache geht nunmehr im Alltag leichter, weil ich mich überwiegend auf bekannten Pfaden bewege. Aber auch, weil mir der Psychiater, nachdem ich andeutete, eventuell Leuten beim Klassentreffen an die Gurgel zu gehen, Tabletten gegen Angst und Anspannung verschrieb, deren bloßes in der Tasche wissen mich irgendwie beruhigt. Das Klassentreffen habe ich übrigens auch abgesagt und während der Kommunikation die Opipramol probiert. Nicht schlecht, ich sah meine Tränen, spürte aber keine Erregung oder Verzweiflung. Ich kam einfach objektiv zu dem Ergebnis, dass ich meine damaligen Mobbingtäter nicht sehen muss, um darüber hinwegzukommen und teilte das meiner ehemaligen Schulfreundin mit, die erwiderte, sie verstehe das und sei damals nur leicht gedisst wurden. Überhaupt, im Nachhinein verstehen oder verzeihen, tolle Sache. Als der Vorauswahlonkel gegen Ende fragte: Müssen wir noch was wissen, noch weitere Übergriffe? Konnte ich lässig sagen: Ich glaub nicht, aber das ist ja meist eh grenzwertig und kann ich das überhaupt objektiv bewerten. …. Also was ich ihm erzählt hatte, kann ich mir im Prinzip selbst erklären: Warum, Wer, das Umfeld, das Davor und Danach. Aber ich habe ein Bedürfnis, einer professionellen Dritten Person davon zu erzählen und bin auch dankbar, dass Krankenkassen, die Zivilisation etc. das alles ermöglichen. Kürzlich, nach einer städtischen Veranstaltung, gesellte sich mein ehemaliger Chef (der hier vor vielen Beiträgen erwähnt wurde) zu unserer Runde. Nicht nur faszinierte er mich irgendwie und hatte eine Burnoutklinik hinter sich, auch fiel es mir leicht zu sagen: Ja, ich hab kapiert, für den Job brauchte es wen Soziales. Ich texte jetzt und das ist super: keine Telefonate, alles schriftlich und freiwillig. Er lächelte glaub ich: Ah ja, deine bevorzugte Kommunikationsform. Außerdem: Ich habe im Laufe des Jahres introvertierte Menschen entdeckt und wie sie von Mitmenschen geschätzt werden. Während viele im Ehrenamt begeistert irgendwas anfangen, dann aber doch nicht und huch und sich völlig im Begeisterungsmeer verquatschen und in diversen Projekten verfranzen.. analysieren die Introvertierten mehr und sagen meist nur das zu, was wirklich zeitlich und nervlich machbar ist- von Momenten der Übererregung mal abzusehen. Letztlich bildet sich der Vereinsvorstand in meinem konkreten Fall unaufdringlich nach Monaten aus zwei Introvertierten, die eben Muse für Buchhaltung und langfristige Planung haben. Es nervt lediglich, dass gewisse Laberköppe noch wichtige Daten besitzen, die sie nicht mehr finden. Abseits des Ehrenamtsbereichs (macht das! Ruhige Protokollanten und Analysten sind überall gefragt) hat es sich ausgezahlt, einem sich trennenden Paar zur Seite zu stehen. Da genügen schon ein paar beruhigende SMS und einige weinselige Abende, bei denen man im Wesentlichen zuhört. So funktioniert Freundschaft anscheinend. Man steht offen zu „ich brauche Ablenkung, lass uns irgendwas machen“, erzählt einander von Phobien und Feinsinnigkeit und blubb, nach Monaten hat man wen gewonnen, der mit einem über Märkte und durch Ausstellungen schlendert und nach dreimal Zögern auch das Kind hütet. Das war überhaupt eine Erfahrung. Da wurde ich sozusagen zum Konfrontationstherapeut. Ach schon spannend das alles. Und gerade dadurch, dass ich seit etwas über einem Jahr zu meiner Schüchternheit und Melancholie stehe.

Vererbung. Erwachsen sein. Persönlichkeit.

Ein kleiner Essay mit Notizen der letzten Wochen.

Ich habe Privilegien. Bin froh darüber. Danke Gott, dem Zufall, wem auch immer. Jaja, ich könnte auch einen IQ unter 100 haben und/oder eine schreckliche körperliche Versehrtheit. Ich möchte deshalb nicht immer nur jammern, sondern auch etwas weitergeben und daran arbeiten, irgendwann einmal Menschen helfen zu können. Also so richtig, mehr als in der letzten Zeit. Oft im Alltag kommen mir spontan die Tränen, weil mir die meisten Menschen so viel Elend zu haben scheinen – und wenn nicht, dann ist doch ihr Gutgehen sicher fragil. Das hat, denke ich, etwas mit meiner Hochsensibilität zu tun. Und kann doch vielleicht später mal mich zur Betreuerin bei der Telefonseelsorge machen.
Bis dahin dauert es noch etwas. Aber mich trägt da schon eine Hoffnung, dass ich aus einem Generationenkarusell von Vererbung und es-am-Kind-auslassen aussteige und mich erkenne, mit mir umgehe, mein Kind erkenne und verändert umgehe und dann auch Unbekannten helfe.
Bis dahin ist es aber noch ein wenig Weg. Mir erscheint der Gedanke seltsam, dass jetzt, da es mir ungelogen so gut geht, wie noch nie in meinem Leben, überhaupt erst Leute sich mit meiner Psyche auseinandersetzen, Mitleid kriegen und mir helfen wollen. Natürlich ist es, von abstrakt und außen betrachtet, logisch, dass nur Mitleid, Verständnis etc. für etwas erscheinen kann, das bekannt ist. Aber von innen sagt es: Warum ? Wieso hat sich keineR gekümmert, als ich paranoid unter Tischen heulte oder endverzweifelt mit Messern agierte ? – Und was passiert alles unbekannterweise in irgendwelchen Wohnungen, während geschwiegen und verlegen weggeguckt wird ?

Ich bin 29. Manchmal sehe ich im Spiegel diese 19-jährige und den Tatendrang, der mir damals wegen Angst abging. Oder nein, ich war unterwegs, aber ich hatte ständig Angst. Ich mied Gruppen und flüchtete spontan. Das war okay. Ich heulte viel und manchmal gab es ein schönes, tiefes Gefühl dabei. Aber wenn ich mir Schilderungen jüngerer Menschen reinziehe, wird mir klar, dass ich irgendwie anders war. Konservativ aus Angst sozusagen. Ich hole dieses Ausprobieren nach: Politik, Vereine, Sport, Spiel, Freunde. Und stoße noch immer an Grenzen.
Beispielsweise neulich. Die politische Initiative, bei der ich mitmache, hatte einen Teilsieg errungen und lud zum entspannten Grillabend ein. Ich ging hin, war aber überhaupt nicht entspannt, weil die lokale Presse fälschlicherweise eine Einladung „an alle Interessierten“ ausgeschrieben hatte. Ich sah daher Schlägertrupps und verwirrte kenntnislose Bürger kommen. Letztere kamen tatsächlich. Daher saß ich erst beklommen rum und dachte: Boah, wie unangenehm muss das für die Bürgerinnen sein. Und wie nervig, ein Pressefotograf. Nach zwei Bier widerum faselte ich unkontrollierten Krimskrams. Manchmal frage ich mich, ob ich nur „Schweigen“ oder „Labern ohne Denken“ kann. Andere Male denke ich, ich wäre vielleicht autistisch, weil mein Reizfilter nicht hinhaut und ich mir erst die sozialen Interaktionen antrainieren musste. Später wird mir klar, dass ich die Mimik anderer eher deshalb nicht durchschaue, weil ich zu feige zum ins Gesicht Gucken bin. Ich sehe die Mimik also nicht. Will ich auch gar nicht, weil ich eh überzeugt bin, mich immer verteidigen zu müssen.

So in etwa funktioniere ich. Und auf Betreiben des Arbeitsamts soll sich das ändern. Das kommt mir einigermaßen zu Pass, weil ich auch seit Jahren keine Lust mehr habe, meine jungen, fitten Jahre zu verschwenden. Ich sehe und höre ja bei anderen Leuten, dass unbekümmerter Spaß auch in der Öffentlichkeit möglich ist. Und zu all dem kommt, dass ich meine Tochter beobachtet habe, die stark nach mir kommt. Das tut mir in der Seele weh, auch weil ich auf der anderen Seite einen introvertierten Teenager verfolge, dessen Eltern ihn in der ersten ernsthaft depressiven Phase in die Klinik schickten, und der nach Therapie nun erfolgreich zu werden scheint. Ich denke dann traurig: wie unfair, ich war viel eher depressiv und es hat keinen verfickten Verwandten interessiert. Aber dann wieder Verständnis. Und ich will nicht „so ein Verwandter“ werden. Ich will es besser machen, aber ich bin dann doch irgendwie hilflos, wenn so Szenen eintreten wie diese: Meine introvertierte, hochsensible (Vermutung von mir und Freunden) Tochter zeichnet kluge und schöne Sachen für ihr Alter und interessiert sich stark für Kunsttechniken und das Wiedergeben der realen und der fantastischen Welt. Ihr Vater und ich einigen uns mit ihr auf einen Ferienkunstkurs. Der Vater geht mit ihr zur privaten Kunstschule, sitzt noch daneben – aber Tochter schweigt Dozentin nur an und verschüchtert derart, dass die Lehrerin sagt: Hat leider keinen Sinn, sie brauchen nix bezahlen und können nach Hause gehen.

Wahrscheinlich übertreibe ich aber auch. Nur weil wir jetzt in einer Stadt mit Möglichkeiten leben, müssen meine Kinder sie ja nicht nutzen. Vielleicht ist es schon schön genug, dass meine Tochter niemanden verprügelt und in der Schule nicht gemobbt wird. Ich erzähle sowas manchmal, wenn ich in den „Labern ohne Denken“-Modus geraten bin (meine Beobachtungen haben ergeben, dass das auf die meisten Menschen sympathischer wirkt als „so lange Denken, bis die Rede längst bei nem völlig anderen Thema ist“.), dann gucken mich diese Frauen über 32, die meist meine Gesprächspartnerinnen sind, indefinit an. Dann denke ich widerum: Vielleicht habe ich gerade eine Qualifikation, die anderen abgeht, aufgrund meines Schmerzes im Inneren. Ich sollte Seelsorge machen oder ein Buch schreiben.
Kacke nur, dass meine Sozialphobie die Vermarktung von selbstgeschriebenen Büchern blockiert. So ist das „anderen Menschen durch Beschreibungen und Verständnis helfen“ doch irgendwie begrenzt.

Suchtpersönlichkeit und Kompetenz

Das ist ein Thema, das mich seit Jahren immer mal wieder beschäftigt. Ich hatte mich selbst beobachtet und sah da wechselnden häufigen Konsum und ritualisierte Taten, ohne dass es wirklich mal zu typischen, tiefen Süchten gekommen wäre. Den Alkoholkonsum drosselte ich in der Jugend, nachdem ich bemerkte, wie ich mir täglich bereits nachmittags Obstwein aus dem Keller holte. Das Ritzen habe ich immer nur so oberflächlich und selten betrieben, dass sich niemand ernstlich sorgte. Meine Fressanfälle wundern niemanden, weil ich dennoch zierlich bleibe (gute Gene und nervöser Magendarmtrakt. Es gibt dann wieder Wochen, wo kaum gegessen wird bzw. erfolgreich verdaut). Die Kaufsucht führte nicht zu Schulden, weil mir bereits nach einigen kritischen bis spöttischen Ansagen von Freunden Scham und Einsicht hochkamen. Rauchen selten, weil ich mich nicht in hibbelige Sozialsituationen mit schnell raus und rauchen begeben möchte. Vor dem Kiffen hatte ich lange Angst, weil ich meine eher manisch veranlagte Freundin mal auf einem schlechten Trip beobachtete und das wollte ich keinesfalls vor anderen machen. So sorgt die Sozialphobie vielleicht für Schutz vor Verhaltenssüchten oder Substanzsüchten. Es wäre einfach zu peinlich, die Hausaufgaben nicht zu haben, weil man zuvor 6 Stunden am Stück Computer gespielt hat oder zu spät zur Arbeit zu kommen, weil man noch schnell und dringend onanieren musste.
Womit wir bei meinem letzten, erhellenden Buch wären, das ich las. Es beschreibt die Sexsucht und erklärt nebenbei diverse Denkmechanismen und so weiter. Vieles wusste ich schon aus den Broschüren des hiesigen Vereins für akzeptierende Drogenarbeit. Mangelndes Selbstwertgefühl spielt wohl eine große Rolle, wenn es darum geht, keinen Rausch von innen heraus haben zu können. Ich habe Menschen beobachtet, die ohne Ritual oder Substanzkonsum lachten oder tanzten oder irgendwie sehr zufrieden aussahen und denke, die empfinden irgendwas aus einer Logikkette von Anerkennung, Freude, äußeren Einflüssen und innerem Antrieb heraus. Die vertrauen der Mitwelt und können aus einer urtümlichen Geborgenheit heraus in der Situation aufgehen und es reicht ihnen, wenn die Sonne scheint und Freunde da sind und keine akuten Probleme am Start sind, um sich des Lebens zu freuen.

Nicht ohne Stolz über Erreichtes stelle ich fest, dass ich seit diesem Jahr auch in einen solchen Zustand kommen kann, und zwar nach zwei Stunden unter Menschen, die ich als gut einordne, wenn kein Konflikt auftritt. Dann lache ich und schaue zufrieden in den Himmel und erfreue mich an eventueller Musik oder witzigen Einfällen. Ich brauche dann nicht rauchen oder trinken oder nebenbei essen. Allerdings in den ersten zwei Stunden bin ich weiterhin angespannt, wenn eben nicht passende Substanzen zugeführt werden oder sexuelle Handlungen vorgenommen werden. Was zurück zu dem Buch führt. Es erklärt die Onlinesucht, aber auch die ganz analoge Sucht nach Orgasmen oder sexuell konnotierten Gedanken. Habe ich auch mal gehabt, alles dreies. Verdrängung der realen Konflikte durch ständiges Konsumieren von Erotikliteratur und anderem (heutzutage leicht verfügbaren) Kram. Nerven des jeweiligen Partners mit der Bitte um Steigerung der Verhaltenssucht. Freude, was zu spüren und daher immer mehr und stärker wollen. Vernachlässigen der anderen Zeitvertreibe, sozialer Rückzug – okay, so viel Geselliges betrieb ich eh nicht, aber ich hätte in der selben Zeit theoretisch auch draußen spazieren oder Brettspiele mit Kommilitonen machen können, nein, stattdessen Verlieren in absurden Onlinegallerien.

Das macht also meines Erachtens und Belesens die Suchtpersönlichkeit aus, die mangelnde Fähigkeit an das selbst etwas schaffen Können zu glauben und das mangelnde Zutrauen in andere Menschen. Ängstlichkeit und Instabilität. Ich finde auch, dass völlige Abstinenz von allem „Gefährlichen“ keine passende Lösung ist, zumindest für reflektionsfähige Menschen. Vielleicht ist es sogar besser, mehrere potentiale Rituale und mögliche Verhaltenssüchte zu variieren – aber insgesamt hilft, befürchte ich, nur konsequentes Anleiern von sozialen Kontakten und Pflichten. Aushalten von Konflikten, Sprechen über Rückschläge. Für den Anfang vielleicht erstmal mehr schreiben als reden und mehr Tiere als Menschen, aber langfristig.. ..
Und ja, wir sind eine Suchtgesellschaft, wie viele Fachtexte behaupten. Die Möglichkeiten, gesellig und gesund in einen Rausch zu geraten scheinen mir hierzulande doch begrenzter als in vielen „unzivilisierteren Stammesgesellschaften“, gleichzeitig ist es sehr leicht, sich und seine Familie zu separieren und einer sogenannten Salutogenese im Weg zu stehen. Man kann seinen potentiellen Helfern sehr leicht aus dem Weg gehen 🙂

Vererbung und Beeinflussung. Oder: was war zuerst da ?

Du glaubst also, wenn ich richtig sehe, dass deine Probleme durch suboptimale Erziehung entstanden sind ?, fing mein Vater sein Enthüllungsgespräch an. Schon, sagte ich, und ein Teil ist sicher auch Veranlagung. Hm.., machte er, anscheinend erleichtert. Und führte aus, wie er und diverse Vorfahren arge Sozialphobieprobleme gehabt hätten und dass das sicher blöd wäre für mich zu wissen, aber da ich ja nun mal nachgefragt hätte.. Das höre nicht auf und er selbst müsse sich immer zwingen, was mit Menschen zu machen, damit die sozialen Fähigkeiten nicht einrosten und gar nicht erst Verweigerung und Stillstand einträten. Manchmal ginge es dennoch einfach nicht, bestimmte Kellner oder andere harmlose Leute anzusprechen, was wiederum zu Verwunderung der Begleitpersonen führt.
Ich war erleichtert, hatte gedacht, er würde mir was Schlimmeres verheimlichen, irgendwas Gewalttätiges in meiner frühen Kindheit oder so. Dass er seit ich ihn kenne, ziemlich ruhelos und unausgeglichen zwischen Projekten und Leuten hin- und herhetzt, aber nie wirklich zufrieden wirkt, war mir früh aufgefallen.  Dass hinter dem Zynismus Ängste stecken, dachte ich mir auch und die Veranlagung zum Verkomplizieren und depressiv sein sah ich in anderen Familienmitgliedern. Weil ich also so erleichtert war, wollte ich keine Vorwürfe machen im Sinne von: Ich hatte nicht nur oft Angst vor Menschen und Blamieren, sondern habe auch Borderline-Tendenzen, die nun mit einer ausgeglichenen, harmonischen Erziehungsform sicherlich weniger bis gar nicht gekommen wären. Ich hätte ihm vorwerfen können: den Leistungsdruck, das Kalte, das Lieblose, das Hin und Herschieben, mein mangelndes Urvertrauen, die tief eingebrannten Gefühle der Hilflosigkeit unter seiner Gewalteinwirkung, die offen ablehnenden Aussagen, das Vermitteln eines negativen Weltbildes. Aber wozu hätte das führen sollen ?
Verziehen habe ich eh schon soweit möglich. Trost kann ich mir aus seinem Mund eh nicht vorstellen. Dass andere es noch beschissener haben, weiß ich eh. Und hier kommen wir zu der Frage, was zuerst da war.
Meiner persönlichen Meinung nach: die Veranlagung zur Ängstlichkeit und das Hochsensible. Dann der ablehnend bis chaotische Erziehungsstil und Kontakt mit komplizierten Mitschülern drauf, fertig sind die beiden Persönlichkeitsstörungen, mit Depressionen und Sozialphobie als Symptomen. Einfach geboren werden und die Zwischenmenschen-Angst ist da und unaufhaltbar scheint mir durchaus zu kurz gegriffen.

Eltern verhalten sich oft so, wie sie es gelernt haben bzw. selbst erlebt haben, das ist wohl Konsens in Psychologie-/Sozialarbeitstexten. Eine traurige Sache. Ich  möchte daher jedem Kind einen erweiterten Kreis von Bezugspersonen wünschen. Und kann den Gedanken an versteckte, leidende Kinder überall um einen herum eigentlich schlecht ertragen. Ich nehme mir vor, sozialkompetenter zu werden, auch um künftigen Mitschülerinnen meiner Töchter oder sonstwie kennenzulernenden anderen Familien helfen zu können. Irgendwie die richtigen Worte finden, die die überforderten Eltern berühren und nicht eingeschnappt machen.

Mir ist bewusst, dass ich verschiedene Male Glück gehabt habe- ich sehe so einige Zeitpunkte, an denen mein Leben eine üblere Wendung hätte nehmen können – und aus Dankbarkeit, vielleicht auch wieder schlechtem Gewissen – möchte ich irgendwann und öfter mal helfen. Mich in Personen einfühlen, die es nötig haben und eben nicht, wie jetzt, verängstigt und unsicher weitergehen in dem Wissen, dass ich eh nicht die richtigen Worte finden würde.

Wenn ich mich mit Mitmenschen vergleiche, wozu mir das Netz wie auch mein Plattenbauviertel und Ausflüge in die Provinz genug Gelegenheit bieten, denke ich mitunter: puh, nur dank meiner Intelligenz und meines massenkompatiblen Aussehens fanden sich in all den Jahren genug Menschen, die sich um mich kümmerten, mir gut zuredeten, obwohl ich mitunter aggressiv oder viel zu verschwiegen war. Wäre ich mit anderer Genetik und in einer anderen Familie geboren, wäre ich vielleicht auf der Sonderschule gelandet, wo man mich fette Kuh genannt und täglich in einen Plattenbaukeller gesperrt hätte. Keine Ahnung. Oder ich wäre ein Junge geworden und hätte mich in chemische Drogen und Sexsucht geflohen. Stattdessen war ich zwar auch nicht auf ner Eliteschule oder mit einem anerkannten älteren Künstler verheiratet, aber es standen immerhin auch kluge Bücher in den elterlichen Regalen und manchmal haben wir Reisen gemacht, die meine Ästhetikvorlieben prägten oder meinen Horizont anderweitig erweiterten.

 

Diagnosen und Vermutungen

In letzter Zeit war ich wieder unsicher, ob „ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung“ überhaupt der richtige Begriff für mich sei. Habe mich durch dutzende Fach- und Laientexte gelesen. Wahrscheinlich auch, weil die Einschulung meiner Tochter ansteht und mich ins Grübeln brachte. Ich kam zu dem Schluss, dass anzunehmen ist, dass ein Psychologe wohl „ä.-v. PS“ diagnostizieren würde, der andere vielleicht Borderline, ein dritter würde sagen: Sie haben die Dysthymie von Ihrem zynischen Vater geerbt. Je nachdem, wieviel ich erzählen würde und als Patient hat man doch noch eine gewisse Auswahl darüber, was man äußert ? , würde er oder sie, die geschulte Person sagen: Aha, das ist Ihre Diagnose !

Deshalb macht dieser Blog schon weiter Sinn, auch wenn ich manchmal so Zweifel habe, ob ich nicht Einschätzungen und Fragen abgebe, die am Thema vorbeigehen. Es ist halt so, verschiedene Diagnosen überschneiden sich in ihren Symptomen. So sprach ich öfter über eine gemeinsame Bekannte, deren Handeln und ängstliches Blicken mir vertraut vorkommt, so dass der Außenstehende erst mal denkt: och, Sozialphobie. Mit ein bisschen mehr Betrachtung und Reden relativierte es sich zu: „Na, sie ist auf jeden Fall sehr selbstunsicher.“ Die Familiengeschichte mit einbezogen ließe sich auch Borderline vermuten.
Schon klar, man soll keine Laiendiagnosen stellen. Aber wenn man weiß: sie war in einer Klinik, verrät aber nicht, was da diagnostiziert wurde – und man will sie mit der passenden Aufmerksamkeit behandeln, dann bleiben einem fast nur solche Vermutungen übrig.

Außerdem habe ich viel über Körpersprache und korrektes soziales Agieren gelesen. Daher kann ich nun verstärkt abschätzen, wann ich mich „unnormal benommen“ habe. Und es macht irgendwie Freude, sich in die Lage der Mitmenschen zu versetzen, die vielleicht überlegen: warum machte die das ? was hat die bloß ? Es fühlt sich fast wie direkte Aufmerksamkeit an, zu reflektieren, wie Andere handelten und so Ankreuztests zu machen. Zwar habe ich im Hinterkopf, dass vor allem viel beschäftigte, offene und kommunikative Menschen höchstwahrscheinlich gar nicht planvoll mich zum Beispiel da gerade anlächeln oder sich überlegen: „Gestern ist die plötzlich in den Wald verschwunden, darum lege ich ihr heute beim Abschied den Arm auf die Schulter, das wird sie aufmuntern und meine Unterstützung ausdrücken.“
– das geht denen bestimmt unüberlegt und von alleine von den Lippen und Händen. Aber ich mag diese Metaebene, das Aufmerken der Nettigkeiten. (die doofen Sachen hingegen kann ich eh nicht ruhig analysieren und memorieren)

Überreizung und Panik

Panikattacken passieren mir eher selten und sie sind auch nicht so heftig, wie anderswo beschrieben. Manche Leute sacken ja anscheinend mit rasendem Herzen zusammen und brechen in Schweiß aus, wenn ihnen diese oder jene Situation widerfährt. Nee, da bin ich ziemlich beherrscht bzw. ich bilde mir ein, die Überreizung nahen sehen zu kommen und dann eher zu fliehen, bevor es ganz dringend wird. Ein, zwei Mal im Jahr lässt es sich aber durch äußere Zwänge doch nicht ganz vermeiden und dann sticht es auch mir im Herzen und ich will raus, raus, schnell, schnell. Oft verließ ich dann unter schwach vorgebrachten Ausflüchten Räume mit Geburtstagsfeiern oder Kinosäle. Anschließend reagierten die Mitmenschen verwirrt und ich musste mich irgendwie rechtfertigen. Das ist natürlich unangenehm. Aber ich sehe gar nicht ein, nun nie wieder etwas unter Menschen in lauten Räumen zu machen, nur weil manchmal die Dosis nicht stimmt. Es soll wohl möglich sein, sich über Jahre hinweg zu desensibilieren und bestimmte Reize unter normal einzustufen, aber insgesamt kann ich da noch nicht den Ultimativen Tipp geben.

Im Januar bin ich tatsächlich mal schreiend zusammengebrochen und seitdem traue ich mich erstmal nicht mehr, den kollektiven Rausch zu provozieren. Zwar möchte ich nach wie vor gern fröhlich unter Menschen sein und mich irgendwie high und voll im Moment fühlen, aber die Januarnummer war zu schrecklich, die schwebt wie ein Risiko über meinen Plänen. Vielleicht unter Menschen, denen ich völlig vertraue, wäre es mir möglich, mal völlig und lachend loszulassen. Aber wann ergibt sich das schon mal. Irgendeine weniger vertrauenswürdige Person ist entweder zugegen oder die Vertrauenswürdige Person ist zu schlecht gelaunt, um locker zu sein.

Im Januar war es also so, dass ich mit einer vertrauenswürdigen Person zu einer Lesung ging, wo mir der Ort vertraut war, aber das Publikum etwas unheimlich. Ich war angespannt und trank zwei Gläser Wein. Danach ging ich angespannt aber kulturbefriedigt die Straße entlang und hörte Musik aus einem Haus, in dem ich schon mehrfach war. Kurz entschlossen wollte ich zu dem Konzert da drin, damit sich die Anfahrt mehr gelohnt habe, das Beschwipstsein, das Babysitterhaben.. die Vertraute wollte aber lieber heim und so ging ich allein zu dem Konzerthaus, weil auch davor ein Typ stand, mit dem ich gut smalltalken kann. Ich smalltalkte mit der Gruppe von Uncoolen/Sozialen Außenseitern und ging dann entschlossen rein. Dort bestellte ich noch ein Glas Wein und entdeckte eine Coole Frau, die ich ein wenig kannte und hübsch und beneidenswert finde. In meiner Anheiterung, mit meiner selbstsicheren Maske, plauderte ich auch mit ihr, was mich noch mehr in ein außergewöhnliches Gefühl rutschen ließ. Dann pendelte ich zwischen Tanzfläche und Vor der Tür plaudern, während ich immer mal nach meinen Weingläsern langte. Nach Mitternacht war ich tatsächlich im Rausch und wogte im vollen Raum zu Musik, die mir doch gefiel und leitete stagedivende Leute weiter und drängte Pogende Leute zurück. Das war ein schönes Gefühl, mir war egal, was Bekannte, die ein paar Reihen hinter mir standen, vielleicht dachten. Nach der Band quatschte ich den Bekannten noch eine Zigarette ab und wankte alleine zur Haltestelle, da ich dachte: „Geh, wenn es gut ist. Jetzt fährt noch eine Straßenbahn. Rumstehen und keine richtigen Gespräche hinkriegen, bringt nichts.“

Die Hälfte der Bahnfahrt lang hielt das gute Gefühl an, dann forderten vier Gläser Wein und die Stunden unter Menschen ihren Tribut. Es drehte sich im Kopf und das Aufrechthalten meines Körpers kam mir sehr schwierig vor. Gleichzeitig versuchte ich den Blicken der Mitfahrer auszuweichen. Ich bekam Angst, manche könnten meine Schwäche sehen und mir etwas Gemeines wollen. Im Bewusstsein, in der allerletzten Bahn zu sitzen, konnte ich nicht aussteigen, obwohl ich mich gern mal übergeben hätte. Irgendwie mit viel Selbstzwang schaffte ich es also nach Hause, wo ich den Rucksack weg warf und nicht mehr konnte. Alles Angestaute kam dann anscheinend raus und ich lag unbestimmte Zeit auf dem Küchenboden und rief irgendwelchen Quatsch, sowas wie „Nein!“, „Wääähäää!“ oder „ich will nicht!“. Mehrfach versuchte ich mich aufzuraffen oder wenigstens wegzukrabbeln, aber nix ging. Bedrohlich. Kontrollverlust. Irgendwann mit dem Kotzeimer auf dem Sofa gelandet. jede Menge gekotzt und mit Drehgefühl rumgelegen, wie zuletzt zu Teeniezeiten, als Dorfmenschen mir immer mehr Alk aufquatschten.
Nee, das muss ich nicht wieder haben. Es müsste irgendwie möglich sein, mich unter Menschen wohlzufühlen, ohne dass ich danach leiden muss. Gibt es Geheimrezepte, abseits von Tabletten, die auch gegen Flugangst helfen ?!