Vernunftkauf oder sinnlose Angst?

… die Tresorsache.

Neulich hatte ich eine Art Rückfall. Wobei ich ja finde, dass eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung nie so ganz weg geht. Höchstens vielleicht in den Bereich übergeht, wo man sagen kann: das ist eben ihr Charakter, aber es ist noch nicht neurotisch und lebensstörend und andere sehr verwirrend.

Mit meinem vorsichtsgetriebenen Charakter also habe ich mich zu einem Kauf entschieden: ein feuerfester Tresor zum in den Schrank stellen. Davor recherchierte ich. Einen ganz normalen Safe, der nur Einbrecher abschrecken oder Zeug sicher vor Kindern verstecken soll (peinliche Tagebuchstellen, erotische Heftchen etc.) kann man schon einem relativ kleinen Preis erhalten.

Soll das Teil aber Feuer abhalten, geht der Preis nach oben. Jede halbe Stunde mehr Resistenz (es gibt da EU-Normen) kostet mehr. So entschied ich zu glauben, dass die hiesige Feuerwehr es in 30min. schafft, die Wohnung abzulöschen. Und dass meine Lieblings-Selbstgeschriebenes-Hefte und meine externe Festplatte in einem Stahl-sonstwas-Behälter zudem sicher vor Löschwasser sind.

Einige Bezugspersonen lachten und meinten, dass so ein Brand doch sehr unwahrscheinlich sei, aber ich verwies auf kürzlich ähnliche Fälle aus der Zeitung. Liegen nicht oft Werbezeitungen auf der Treppe, die man flugs anzünden könnte. Vergisst man nicht schnell mal, den Herd auszudrehen und dann steht da noch ein Topf mit Resten und bäm!

Neenee, meine Feuerangst ist nicht neu. Schon als Grundschülerin lag ich lange wach und fühlte mich sehr unsicher. Da gab es auch noch diese Sirenen auf Dächern, die dreimal jaulten, damit die von der freiwilligen Feuerwehr kommen. Heute haben die sicher alle ein Funkgerät.

300 €, 40 Kilo, ein Kostenvoranschlag und eine Spedition

…. brauchte es, um das gute Stück in meine Wohnung zu kriegen. Das kompliziert als gedacht. Anfangs schickte ich noch Oma in den Baumarkt, und dachte: macht sie lässig und ich hab ja auch Geburtstag. Nach genauerer Recherche stellte ich fest, dass es wohl doch etwas unüblich für Privatpersonen ist. Die meisten Tresore kosten tausende Euro, sind größer oder gleich Schränke und werden B2B geordert, für Sparkassen oder andere wichtige Firmen.

Vielleicht hatte ich nur den falschen Onlineshop, aber einfach „klick und Päckchen kommt“ war nicht. Es ging an Emails mit ner Mitarbeiterin und ein plötzliches und erschreckendes Telefonat mit der Spedition. Ich wusste gar nicht, dass die meine Nummer hatten und haspelte einen Nachbarsnamen, weil einer gefordert war und sagte ja zu einem Dienstag, obwohl das eigentlich mein Bürotag ist.

Shit. Umso näher der Liefertag kam, desto unruhiger wurde ich. 40 Kilo kriege ich nie in den fünften Stock geschleppt. Was, wenn die kommen und ich bin grad Kind aus Schule holen oder aufm Klo oder.. Dann belästigen die entweder die Nachbarin, vor der es mir peinlich ist und klein ist das Paket ja auch nicht und die kriegt es auch nicht von der Bordsteinkante durch die Haustür.. was überhaupt, wenn die wirklich nur „bis Bordsteinkante liefern“, weil ich nich weitere 50€ für Lieferung bis zum Schrank bezahlen wollte.

Dann sollte es regnen am Dienstag. Ich stellte mir vor, wie ich worst case die Lieferung annehme, aber nicht wegtragen kann und mitm Schirm auf dem Gehweg sitze, bis der aus der Arbeit angerufene hochoffizielle Lebensgefährte käme und das Ding hochtrüge. Einfach draußen stehen lassen würde doch Metalldiebe auf den Plan rufen.

Ich schob Varianten hin und her … und fand Montag nicht in den Schlaf, bevor ich nicht einen schissermäßigen Ausweg fand: die einzige tagsüber freie am Ort wohnende Person ist mein Exmann. Zu dem habe ich ein ambivalentes Verhältnis und hatte keine Ahnung, ob der Aktuelle es okay findet, wenn der Vorherige in der Wohnung sitzt. Und auf meinen Tresor wartet.

Ich verfluchte ein bisschen meine Souveränität, wähnte mich nun aber gerüstet.. und ahnte nicht, dass das umsonst war.

Die Dienstagsstunden vergingen, ich arbeitete von zu Hause aus, plauderte mit dem Ex, aß Mittag, fuhr zur Schule (in der Hoffnung, die Spedition käme derweil und ich müsste gar nichts damit machen).. und kam zurück. Kein Tresor da, schade. Ich packte Schulkram aus, ging aufs Klo.. es klingelt. Ich so: wahh! Schnell hin zur Gegensprechanlage.
Ich dort: Hallo ? Hallo ?????
und höre, wie ein Mann mit der Nachbarin plaudert. Sie so: … solange wir kein Auto annehmen müssen (oder so)

Man ignorierte mich. Find ich frech. Als Spediteur kann man doch wohl eine halbe Minute warten nach dem Klingeln oder zumindest beim Plaudern mit der Ersatznachbarin noch hinhören, ob die Stimme der eigentlichen Adressatin noch kommt.

Aber zunächst schaltete ich nicht. Ich dachte tatsächlich (nachdem ich sofort runterrannte, aber da schon niemanden mehr entdeckte und dooferweise ohne Briefkastenschlüssel)  : da plaudern die älteren Herrschaften unten und einer kommt auf die Klingelknöpfe. Blick aus Fenster: ein LKW höchstens da um die Kurve parkend. Ach nee, mein Ding kommt später.

Irgendwie wurde aber dennoch unruhig. Der Ex erbot sich, unten im Briefkasten nachzuschauen. und kam schnaufend mit dem Tresor hoch. Die Nachbarin habe wohl angesichts seiner doof geguckt, aber naja. Ey, dachte ich, was springt die auch sofort hin bzw. was ist der Spediteur zu ungeduldig, wenn ich wusste, dass das so käme, hätte ich nix organisieren müssen, dann hätte der Aktuelle Mann entspannt nach der Arbeit das Paket von Frau L unten abgeholt.

So war ich in Erklärungsnöten, als er heimkam. Aus antrainierter Erwartung fing ich gleich an zu heulen.. und auch wegen der aufgestauten Anspannung wahrscheinlich. Er sagte aber nichts weiter und wir versuchten, den Tresor auszupacken und in den Schrank zu wuchten. Er war halb offen. Handwerklich ungeschickt, wie er leider ist, quetschte ihm die Tresortür den Finger. Jetzt war mir das Ganze noch peinlicher. All die Strapazen eigentlich Unbeteiligter, nur weil ich meine Sorgen um materielle Erinnerungen nicht im Griff habe.

Haaach. Aber tatsächlich bin ich diesbezüglich nun beruhigt. Ich muss nicht mehr gedanklich öfter durchspielen, was ich in welcher Reihenfolge anziehe und einpacke, wenn ich Wohnungsfeuer bemerke. Ich werde einfach instinktgetrieben meine Tasche und die Kinder nehmen und ab. In der Tasche ist eh der Chipkartenhaufen, Geldbörse etc.

Gelegentlicher Anfall von Unsouverän-Infantilem Verhalten also. Ist aber bestimmt erlaubt … und wirkt vielleicht niedlich. Endlich ein Vorteil am Frausein. Wobei. Ängstliche männliche Partner können ja auch putzig sein.

 

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